Dienstag, 23. August 2011

Die Erben der Nacht- Vyrad 2.Kapitel

So, ganz geschwinnt geht es weiter.
Hoffe es gefällt euch :D
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Apsley House

Voller Ungeduld klopfte sie mit den Fußspitzen gegen den Sargdeckel Sollten sie nicht schon längst angekommen sein? Sie konnte doch schon die typischen Hafengerüche ausmachen: Menschen, Schlick, frisch gefangenen Fisch und anderes Meeresgetier. Doch Alisa musste noch eine ganze Stunde warten, bis sie endlich von ihrer Qual erlöst, und ihr Sargdeckel geöffnet wurde.
Dankend ergriff sie Hindriks dargebotene Hand und lies sich aufhelfen. Sören und Tammo warteten bereits.
„Weshalb hat das den solange gedauert?“, fragte sie ein wenig erbost.
„Es gab anscheinend noch etwas wichtiges vorzubereiten. Außerdem haben sie, so voraussehend wie unsere Gastgeber nun mal sind, die Dracas vor uns abgeholt um ihnen erst gar keinen Grund zum Meckern zu geben“, gab Hindrik bereitwillig Auskunft.
„Was? Sie haben die Dracas vor uns abgeholt?“
„Ja haben sie!“, gab ihr Bruder ausnahmsweise mal Auskunft, dem das genauso wenig zu gefallen schien.
Alisa entfuhr ein Seufzer. Das war doch nicht zu fassen. Erst machte ihnen Gestern Hindrik einen Strich durch die Rechnung, und nun die Vyrad! Gönnte man ihr den keine Minute mit Leo alleine alleine? Anscheinend nicht. Sie seufzte noch einmal, folgte den anderen jedoch bereitwillig aus dem kleinen Schiff heraus.
Draußen angekommen erwarteten sie bereits zwei Fiaker und bei denen jeweils ein Servient der Vyrad standen um sie zum Haus ihrer Familie zu begleiten.
Die ganze Fahrt beachtete Alisa das prunkt volle London überhaupt nicht und hing ihren eigenen Gedanken nach. Sie bekam nur mit, dass ihr Ziel außerhalb der Stadt lag. Umso überraschter war sie als vor dem glanzvollem Sitz der Vyrad hielten
Es war eine Villa mit einem weitläufigen Garten, einer Plateauterrasse und kunstvollen Säulen, die dem Haus ein gewisses Flair verliehen. Natürlich konnte es nicht mit dem Palais der Dracas in Wien mithalten. Doch es war auf jeden Fall ein Blickfang.
Einer der Servienten, der sich als Jackson ausgewiesen hatte, führte sie ins Haus hinein und hies sie herzlich Willkommen. Ab der mit Marmor gefliesten Eingangshalle, wurden sie von einem Vyrad der Blutlinie in einen Salon geführt, in dem die anderen Erben schon auf sie warteten.
Alle waren da! Die Nosferas aus Rom, die Dracas aus Wien, die Pyras aus Paris, die Lycana aus Irland, selbstverständlich die Vyrad und sie selbst aus Hamburg. Nur einer fehlte.
Ivy-Maire de Lycana. Nachdem letztes Jahr heraus kam, dass Ivy eine Servientin war, hatte man sie der Akademie verwiesen. Sie selbst hatte um das Geheimnis ihrer besten Freundin gewusst, und noch bis zum letzten Moment gehofft sie wieder zu sehen.
Alisa reckte ein wenig den Hals, um im Raum nach Leo abzusuchen, doch sie konnte ihn nicht entdecken. Dafür ihren freund Luciano. Sie beeilte sich ihn zu begrüßen.
„Wie schön dich wieder zu sehen!“
Augenblicklich fiel ihr auf, dass noch jemand fehlte.
„Ist Clarissa gar nicht mitgekommen?“, fragte sie entsetzt.
Nachdem Luciano letztes Jahr Clarissa zu einem Vampir gewandelt hatte, versprach er ihr ewige liebe, und sie wusste, dass das sein Ernst gewesen war. Er hätte sie doch niemals zurückgelassen!
Obwohl Clarissa anfangs sauer auf ihn gewesen war, hatte sie ihm doch verziehen. Außerdem erwiderte sie seine Gefühle!
„Sie will nicht als Servientin unter die Augen der Anderen treten. Sie kommt aus einem edlen Haus. Es fällt ihr schwer, dass die anderen sie nicht wie ein geborenes Familienmitglied behandeln. Es tut mir so weh sie leiden zu sehen! Verstehst du das?“, fragte ihr freund ein wenig mitleidig.
Alisa nickte verständnisvoll. Sein Tonfall erinnerte sie an den früheren, pummeligen Luciano. Doch er hatte sich sehr gewandelt. Er hatte an Bauchumfang verloren und an Schönheit zugelegt. Nur das schwarze Haar war geblieben wie es war. Und obwohl er sich ich äußerlich so verändert hatte, war er doch immer noch der selbe Luciano.
„Ähm. Hast du zufällig Leo gesehen? Ich kann ihn nicht finden.“
Wieder lies Alisa ihre Augen durch den Raum wandern. Und nun reckte auch der Nosferas seinen Hals um den Dracas zu suchen.
„Ich auch nicht! Komisch das er uns nicht begrüßt! Ich werde ihn suchen gehen.“
Mit diesen Worten verschwand er und lies die leicht verdutzte Alisa alleine zurück.
Sie seufzte.
„Du suchst nicht zufällig mich?“, sagte eine ihr nur zu gut bekannte Stimme, näselnd hinter ihrem Rücken. Mit einem Strahlen in den Augen drehte sie sich um und sah direkt in seine dunklen Augen, die im Kerzenschein vor Freude wie Bernstein funkelten.
Wie immer war er atemberaubend schön, korrekt gekleidet und trug ein spöttisches Lächeln zur schau, das von seiner Freude zu einem liebevollem wechselte.
Für einen Augenblick fehlten ihr die Worte, doch dann fiel sie mit einem Glucksen um den Hals.
„ Leo!Wo warst du bloß? Ich hab mir Sorgen gemacht!“
Er zog sie fest an sich und flüsterte ihr ins Ohr: Entschuldige, aber ich konnte es einfach nicht lassen dich zu überraschen. Du hast keine Ahnung wie sehr ich dich den Sommer über vermisst habe!“
Widerwillig löste Alisa sich von ihm um ihm in seine wundervollen Augen zu blicken, bei denen ihr jedes Mal wieder das Atem stockte.
„Ich habe dich auch unglaublich vermisst.“
Eine Weile standen sie einfach nur so da und genossen ihre Zweisamkeit. Wer hätte gedacht, dass sich eine Vamalia und ein Dracas jemals ineinander verlieben könnten. Gerade bei ihnen! Bis zum letzten Jahr, hatten sich die beiden unentwegt gestritten und gezankt. Alisa selbst konnte es immer noch nicht richtig glauben. Doch es war so, und sie freute sich so sehr nur in seiner Nähe sein zu können. Sie konnte sich nicht erinnern jemals so glücklich gewesen zu sein.
„Da bist du also! Du hast Alisa schon gefunden. Schön dich wiederzusehen, Leo!“ Sie trennten sich nun völlig voneinander, damit Leo nun auch Luciano begrüßen konnte.
Ja, auch das hatte sich geändert, dachte sich Alisa. Am Anfang der Akademie haben sich die beiden abgrundtief gehasst, und nun waren sie Freunde. Leo war nun mal völlig anders als die übrigen
Dracas. In allem.
Doch auch Luciano und Alisa waren in den Jahren reifer geworden. Immerhin waren sie alle drei jetzt schon siebzehn!
Schwermütig dachte Alisa wieder an Ivy. Sie war eine Servientin und schon über einhundert Jahre alt. Wie es wohl werden würde ohne ihr wunderbares Lächeln und ihrer ruhe, mit der sie jede Unstimmigkeit der Freunde bisher untergraben hatte.
Sie hatte jedoch keine Chance mehr weiter über Ivy nachzugrübeln, denn nun erhob sich der Clanführer der Vyrad, Lord Milton, um sie alle zu begrüßen. Schnell wandte sie sich der Mitte des Raumes zu, in dem er nun stehen geblieben war, und fing dabei einen Seitenblick von Leo auf. Sie wusste dass sie sich später darüber unterhalten würden doch nun erhob Lord milton die Stimme.

*
„Das könnt ihr mir nicht antun!“, rief Ivy wütend aus.
Beruhigend hob Donchad die Hände. „Beruhige dich erst einmal! Wir wollen dich doch nicht quälen, es ist doch nur zu deiner Sicherheit! Hier in Irland können wir dich beschützen, in England sind wir machtlos. Den Vyrad kann man nicht trauen, was ist wenn sie dich nicht vor Dracula bewahren können? Du musst jetzt an die anderen denken, nicht an dich! Gerade deine Freunde bringst du in Gefahr, wenn du dieses Jahr fährst, willst du das?“
Ivy presste die Lippen aufeinander. Natürlich wollte sie ihre Freunde nicht in Gefahr bringen, keinen von ihnen! Doch wie sollte sie in Irland bleiben, wenn doch eben diese Vampire, die ihr so viel bedeuteten, auf sie in London warteten?
„Ihr wisst Donchad, als Familienmitglied der Lycana, schätze ich eure Meinung sehr, doch ich kann nicht hier bleiben! Eben wegen meiner Freundschaft zu Alisa, Luciano und Leo muss ich fahren! Und nur wegen der kleinen Fehde unserer Clans, bedeutet es nicht, dass die Vyrad nicht in der Lage währen sich gegen Dracula zu verteidigen. Bitte schenkt ihnen ein wenig Vertrauen, dass könnte uns Vorteile bringen! Der Streit bringt uns doch nichts!“, warf Ivy ein.
Voller Wehmut musste sie an Mervyn, den einzigen wahren Erben der Lycana denken. Er hatte sein Herz an Rowena, eine Erbin der Vyrad verloren.Gerade die beiden mussten unter dem Ganzen leiden.
Als der Clanführer zu einer Antwort ansetzte wandte sie ihm wieder ihre Aufmerksamkeit zu.
„Nun gut. Wenn du es so sehr wünschst, werde ich dich gehen lassen. Unter einer Bedingung! Du wirst zwei weitere Servienten zu deinem Schutz mitnehmen. Und nun packe alles zusammen was du brauchst, ihr werdet morgen, bei Sonnenuntergang losfahren!“
Sie strahlte und lief sofort in ihr steinernes Gemach, im inneren der Burg die als Wohnort der Lycana galt. Ein Wolf mit silbernen Fell folgte ihr.
„Seymour, was bin ich froh das wir doch noch fahren dürfen!“, sagte sie anscheinend zu dem Wolf, da sonst niemand anwesend war.
„Ja, eine halbe Woche nach den anderen!“, erklang eine wütende Stimme in ihrem Kopf.
„Nehme es ihm doch nicht so übel, Bruderherz. Er sorgt sich doch nur um uns.“
Der Wolf stieß ein Knurren aus, beließ es jedoch dabei.
Ivy brauchte nicht viel zu packen, sie brauchte nicht viel Luxus.
Als sie gerade ein kleines Bündel mit einer Schleife in ihre Kiste verstaute, fiel ihr Blick auf einen kleinen Ring an ihrem Finger. Er hatte die Form einer Echse dessen Augen aus Smaragden bestanden. Er stammte von Dracula. Sie hatte ihn im ersten Akademiejahr in Rom gefunden und an sich genommen. Wie gern hätte sie ihn einfach gepackt und ins Meer geworfen, doch seine Magie war zu stark. Sie konnte nicht.
„Warum nur Schwesterherz, bringst du dich so in Gefahr? Denkst du denn gar nicht mehr an dich? Sind deine Sinne den so vernebelt?“, erklang nun wieder die Stimme in ihrem Kopf.
Das Seymour dabei an Franz Leopold dachte war ihr klar. Es stimmt, sie hatte ihr Herz trotz all ihrer Erfahrung an ihn verloren. Und obwohl er ihr in Irland so viele Gefühle entgegen gebracht hatte, hatte er eine andere gewählt.
Sie wusste das Alisa die bessere Wahl war und sie freute sich herzlich für ihre Freundin, doch ein gewisser Schmerz blieb.
Schnell packte sie ihre restlichen Sachen zusammen und verstaute sie ordentlich, dann ging sie noch schnell heraus um allen lebe wohl zu sagen. Sie würde sie alle lange nicht mehr sehen.
Brav, wenn auch etwas mürrisch, folgte der Wolf dem silberhaarigen Mädchen hinaus.

*

„Willkommen meine vampirischen Freunde von den Vamaliern, den Nosferas, den Dracas, den Pyras und Lycanern.“ Der große, blonde Vampir lies seine blauen Augen über die Erben schweifen und wirkte dabei ein wenig wie gezähmter Wolf. Friedlich, aber jederzeit dazu bereit wenn nötig, anzugreifen. „Im Namen aller Vyrad wünsche ich euch hier einen schönen Aufenthalt.“
Obwohl Alisa versuchte ihre Aufmerksamkeit auf den Clanführer zu richten, wurde ihr Blick von einem ebenso großen und blonden Vampir angezogen, der etwas abseits von Lord Milton stand. Malcom. Das Blau seines Fracks stand ihm gut, und betonte seine männliche Figur. Obwohl er sie anlächelte, schaute Alisa schnell weg. Die Errinerungen die sie mit ihm verband, waren nichts woran sie gerne dachte. Das Jahr in Paris hatte sie sehr verwirrt, und ja, auch verletzt. Sie wusste, dass ein Blick in seine blauen Augen genügen würde um alle Gefühle in ihr wieder aufzuwühlen.
Sie spürte einen Händedruck, und sah auf in die besorgten Augen Leos. Ihr fiel nun auf, dass er den Sommer über noch ein wenig gewachsen war, und nun größer war als sie. Natürlich, waren ihm ihre Gedanken nicht verborgen geblieben. Er war ein Meister des Gedankenlesens, was sollte sie da erwarten?Selbst nach dem Jahr in Wien konnte sie sich nicht mit ihm messen. Was sie eigentlich auch gar nicht brauchte.
Und dann tat er etwas, was er noch nicht zuvor gewagt hatte. Er küsste sie vor allen anwesenden Vampiren und brachte ihre Liebe damit an die Öffentlichkeit. Jedoch achtete niemand weiteres auf sie. Selbst Matthias und Hindrik waren anders beschäftigt und auch Malcom schaute versonnen vor sich hin und schien überhaupt nicht anwesend zu sein. Wieder einmal fragte sie sich, ob Leo es schaffte eine Art geistigen Schutzschild um sie herum aufzubauen, wodurch die anderen nichts Auffälliges bemerkten.
Doch all das kümmerte sie nun wenig. Es war ein sehr zarter Kuss gewesen. Kaum spürbarer als der Flügel eines Schmetterlings und trotzdem hatte er ausgereicht, um in ihr ein prickelndes Glücksgefühl auszulösen. Als sie ihm wieder in die Augen sah, konnte sie erkennen, dass es ihm genauso erging. Mit einem schelmischen lächeln legte er einen Finger auf die Lippen, und gab ihr zu verstehen, dass es wohl besser wäre, wieder ihre Aufmerksamkeit auf den Clanführer zu richten.
„Der Unterricht beginnt Morgen um Mitternacht. Jetzt werden euch ein paar unserer Servienten euch eure Unterkünfte zeigen. Danach werdet ihr in zwei Gruppen durch das Haus und den Garten geführt, wobei ihr viel über das Haus und seine Geschichte lernen werdet. Die Gruppen werden gebildet wie folgt: Alle Pyras, Lycaner und Dracas bilden die eine Gruppe, die Nosferas und die Vamalier die andere. Damit wären die Gruppen gleichgroß. Eine erholsame Nacht wünsche ich!“
Auf Alisas Gesicht breitete sich Entsetzten aus. Nicht schon wieder!
Über so viel Übermut musste Franz Leopold lachen, jedoch sah auch er nicht glücklich aus und Marie Luise und Karl Philipp protestierten gar: „Sie könne uns doch nicht einfach mit diesen ungehobelten, dreckigen Pyras zusammenstecken! Und dann noch dieser Lycaner!“
Alisa wollte schon etwas sagen, doch Lord Milton kam ihr zuvor: „Oh doch, ich kann. Außerdem schadet ein wenig gesunder Verstand euch nicht.“ Schnell wandte er sich von den beiden ab, bevor sie ihr furchtbares Gemeckere über ihm ergossen.
Als Alisa sich gerade an Leo und Luciano wenden wollte, als eine Servientin, die sich als Catherine vorstellte, und sie aufforderte ihr zu ihren Gemächern zu folgen. Sie konnte den beiden nur noch zum Abschied winken, dann machte sie es Joanne und Chiara gleich und folgte der hochgewachsenen Servientin.
Die Gänge der Villa waren breit und hatten verschnörkelte, blasse Muster auf der Seidentapete. Erleuchtet wurden sie durch Kerzen, die in einem Abstand von zwei Metern Abstand zu einander, in Kerzenständern an der Wand hingen. Hier und dort hing auch ein Bild eines Altehrwürdigen, wie Alisa vermutete.
Ihr Zimmer, dass sie sich mit den beiden Anderen teilte, lag im Ostflügel. Auch hier bei den Vyrad schliefen die Vampire anscheinend in Betten anstatt Särgen. Jedenfalls standen vier Himmelbetten in dem Bett.
„Ihr habt nun eine Stunde zeit um euch einzurichten. Danach treffen sich alle Erben zur anschließenden Führungen in der Bibliothek. Diese befindet sich hier, rechts den Gang herunter. Ihr erkennt sie an den Flügeltüren. Eine angenehme Nacht wünsche ich.“
Bei dem Wort Bibliothek leuchteten Alisas Augen auf. Die Aussicht aus ein Jahr voller literarischer Freude lies sie die Unglücke der letzten Stunden fast vergessen.
Doch die Zeit die ihnen gegeben war, nutzte sie um mit ihren Zimmergenossinnen die Erlebnisse des letzten Sommers auszutauschen. Alisa freute es zu hören, was es alles neues von den anderen Clans gab. Gerade die Errungenschaften der fremden Länder waren immer wieder wert gehört zu werden. Eventuell wussten die beiden etwas über die neuen Erfindungen der Menschen. Dafür hatte sich Alisa seit jeher interessiert, da sie fand, die Menschen seien viel fortschrittlicher als die Vampire. Doch selbst Joanne wusste nichts darüber zu berichten, obwohl Alisa in Paris selbst gesehen hatte wie weit die Menschen mit der Fotographie waren.
Schon bald lachten die Mädchen alle und wurden nur zu ungern unterbrochen, als Hindrik sie daran errinerte, dass sie nun zur Führung aufbrechen mussten.
Alisa beeilte sich, um ja noch einen Blick in die Bibliothek und ihre Bücher werfen zu können, bevor die Führung begann.

*

Mit unsicherem Blick betrachtete er das Stück Papier vor sich. Fast unheilvoll sah es im Schein der Gaslampen aus. Im war klar, dass es dringend sein musste, sonst hätte sie ihm diesen Brief nicht geschrieben. Doch er fürchtete sich vor dem, was das für ihn bedeuten könnte. Seufzend setzte sich Malcom auf den Stuhl und nahm mit einem nervösen Zittern den Briefumschlag in die Hand.
Das erste was ihm auffiel, war, dass Latona eine wirklich schöne Schrift hatte, auch wenn sie ein wenig unordentlich aussah und an manchen stellen verwischt. Als ob sie in großer Hast geschrieben hätte. Langsam, um ja nichts zu übersehen, fing er an zu lesen:


Malcom,

ich weiß, dass du mir ausdrückstlich verboten hast, dass ich dir Briefe schreibe oder dich besuche, aber bitte sehe es nicht als Vertrauensbruch, denn es ist dringend.
Mr. Stoker und seine Frau haben beschlossen mich auf ein Internat in Cornwall zu schicken, das sie nicht wüssten wie sie mit mir umgehen sollen und da ja Mr. Stoker so selten zu Hause wäre, wäre eine anständige Erziehung nicht möglich. Oh Malcom, ich möchte nicht! Ich will dich nicht verlieren! Nicht nachdem wir uns erst vor sooo kurzer Zeit wieder gefunden haben!
Doch ich kann nichts dagegen unternehmen. Die Entscheidung ist gefällt, daran gibt es nichts mehr zu rütteln. Ich weiß, dass du nicht ohne weiteres verschwinden kannst, doch ich bitte dich, dass du mir noch die Chance gibst mich von dir zu verabschieden. Bitte komm Morgen um zwei Uhr Morgens zum Albert Memorial. Eine Stunde später geht mein Zug.
Malcom ich bitte dich. Es ist das letzte Mal, dass wir uns vor dem Winter sehen. Unsere letzte Chance.

In aller Liebe,
Latona


Wie in Trance starrte er auf das Blatt. Sie würde gehen. Sie würde ihn verlassen. Eine letzte Chance.
Seine Brust krampfte sich schmerzhaft zusammen. Seine Augenwinkel fingen an zu brennen. Fühlte sich so weinen an? In Büchern hatte er gelesen, dass weinen befreien könnte. Aber was machte er sich vor? Vampire konnten nicht weinen. er war keine Ausnahme.
Vor dem Winter würden sie sich nicht mehr sehen. Ein letztes Treffen. Wollte er das überhaupt?
Würde es nicht einfacher seien sich im Stillen von ihr zu verabschieden und sie ziehen zu lassen, anstatt sie noch einmal zu sehen, sie in seine Arme zuschließen, um sie sich dann wieder entreißen zu lassen?
Nein! Er würde nicht kommen! Diesen Schmerz würde er sich nicht antun!
Entschlossen nahm er den Brief und zerriss ihn in aller Wut und Trauer. Angespannt lief er zu dem kleinen tisch neben seinem Bett und nahm den Kelch voller Blut, der darauf stand. Er setzte ihn an die Lippen, doch auf einmal zerplatzte er. Er hatte ihn vor lauter Schmerz durch die Kräfte seines Vampirdaseins zerstört. Völlig verstört sah er auf seine Hand herab, auf der sich das seinige Blut, und das eines unschuldigen Menschens vermischte.
Der Schmerz in seiner Brust verschlimmerte sich und er konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken. Wie hatte er nur einem Mädchen ohne weitere Reize als seinem süßen Blut nachgeben können? Er wusste ihre Liebe war echt, doch war es seine auch gewesen? Hatte er nicht eigentlich nur immer die eine begehrt? Die eine die er nun völlig verloren hatte. Durch ein dummes menschenmädchen!
Wütend schlug er auf den Tisch. Eine weitere Wunde platzte auf und bespritzte den Boden mit Blut.
„bei allen Dämonen der Nacht!“, hörte eine helle, melodische Stimme vom Nebenraum aus rufen. Malcom fuhr herauf. Das war doch nicht etwa?
Lautlos schlich er zur Tür und öffnete sie einen Spalt, um die Szene dahinter beobachten zu können. Wahrlich, da stand sie. Wunderschön wie immer. Leuchtend wie ein Engel. Abermals krampfte sich seine Brust zusammen, dieses Mal aber vor Freude. Wie lange er sie nicht mehr gesehen hatte. Der drang sie in seine Arme zu nehmen, nur um noch einmal ihren Geruch einatmen zu können, wurde auf einmal so stark, dass er nur noch ein letztes mal tief durchatmen konnte, bevor er die Tür aufstoß und in den hellerleuchteten Raum betrat.

„Das ist ja unglaublich!“, rief sie voller Begeisterung in den riesigen Raum hinein.
Sie drehte sich mehrmals um ihre eigene Achse, um auch ja alles erfassen zu können. Die meterhohen, bis zum Rand gefüllten Bücherregale, die kunstvoll geschnitzten Treppen, die mehrere Stockwerke nach oben führten, den großen Kronleuchter an der Decke, der alles in goldenes Licht hüllte und zwei Panoramafenster, die einen wunderbaren Blick auf einen riesigen Rosengarten freigaben.
Alisa konnte es nicht fassen. Das so eine schöne Bibliothek existierte, hätte sie nie gedacht.
Noch einmal betrachtete sie mit einem gerade zu kindlichen Staunen den großzügigen Raum.
„Ja, es ist wirklich beeindruckend“, gab Chiara zu, die gerade den Raum betreten hatte. Sie sah zwar recht interresiert aus, brachte aber nicht so viel Begeisterung wie Alisa auf. Joanne dagegen, blickte desinteressiert im Raum herum und würdigte die Bücher keines Blickes. Die große Standuhr, die zwischen zwei Regalen stand schien eher ihrem Interrese zu entsprechen.
Alisa wunderte das kaum. In den unterirdischen Labyrinth der Pyras in Paris waren Bücher ein Fremdwort. Sie konnte nicht sagen, wie die Pariser Erben das Lesen gelernt hatten.
Gedankenversunken schlenderte sie an den Rhein der Bücher entlang, bis ihre Aufmerksamkeit von einem kleinen, vergilbten Band erregt wurde. Sie trat näher und nahm den braunen Band in die Hand.
Sie brauchte einen Augenblick die Schrift zu entziffern, doch dann erkannte sie, dass es ein Gedichtband war.
„Bei allen Dämonen der Nacht!“ Das war nicht irgendein Gedichtband. Das war der erste Gedichtband von Lord Byron! Natürlich. Alisa hatte schon davon gehört, dass er ein Mitglied des englischen Vampirclans sein sollte. Da war es selbstverständlich, dass sie diese Ausgabe seiner Bücher hatten.
Sanft blätterte sie durch die Seiten und vergaß dabei ihre Aufmerksamkeit auf ihre Umgebung zu richten, wodurch sie nicht einmal die leicht geöffnete Tür, ein paar Meter von ihr entfernt, bemerkte.
„Als wir zwei schieden
still weinend und bang“, schaffte Alisa zu übersetzten.
„Zerstört Herzens Frieden,
zu meiden uns so lang“
Erst zu spät bemerkte sie die Person die an sie heran getreten war. Als sie angesprochen wurde, fuhr sie erschrocken herum und lies das Buch fallen.
„Alisa. Was für eine Freude dich wieder zu sehen. Wie hatten je vorhin leider keine Möglichkeit uns zu begrüßen.“
Alisa erstarrte und ihr Oberkörper zog sich zusammen, als sie erkannte wer der Vampir war. Malcom.
In einer unglaublichen Geschwindigkeit rasten ihr die Bilder der letzten Jahre durch den Kopf. Ihre Vertrautheit in Irland. jedoch auch sein Verrat in Paris.
Sie verspürte einen schmerzhaften Stich in der Brust. Was wollte er von ihr? Hatte er etwa Schuldgefühle? Oder war sie für ihn immer nur eine gute Freundin gewesen, die er nun wieder sah? Hatte er nie etwas für sie empfunden?
„Es freut mich auch dich wieder zu sehen“, brachte sie hervor. In ihren Ohren klang ihre Stimme viel zu hoch.
Sie suchte angestrengt nach einem Punkt den sie ansehen konnte ohne seinem Blick zu begegnen. Doch Malcom durchkreuzte ihre Pläne, indem er noch einen Schritt näher trat und ihr Kinn sanft aber bestimmt nach oben drückte, was sie dazu brachte in seine Augen zu sehen. Obwohl es Alisa mehr als alles andere widerstrebte, lies sie ihn gewähren.
Wie damals in Irland schoss es ihr durch den Kopf.
Selbst nachdem er nun erwachsen geworden war und ein vollwertiges Mitglied des Clans war, hatten sich seine Augen kein bisschen verändert. Das gleiche dunkle Blau, das wie ein tiefer Ozean schien.
Ihre Nackenhärchen stellten sich auf und ihr kroch ein Schauer nach dem anderen über den Rücken.
„Wirklich? Du weißt gar nicht wie sehr mich das erfreut“, sagte Malcom mit seinem schiefen Lächeln das ihr schon damals die Knie weich gemacht hatte.
Wie konnte er nur so eine Wirkung auf sie haben? Und sein Geruch! So, süß.
Alisa stockte. Süß? Sie konzentrierte sich nun auf den Geruch. Ihr Blick wanderte zu Malcoms anderer Hand.
„Malcom! Deine Hand, sie blutet!“, rief sie mit weit aufgerissenen Augen und griff erschrocken nach seiner Hand. So viel Blut. Die Wunden bluteten immer noch sehr stark, obwohl schon das meiste verheilt war. Es interessierte sie kein bisschen, dass ihr das Blut schon über die Handgelenke lief.
„Wie ist das bloß passiert?“
„Alisa. Mach dir keine Sorgen. Das ist nicht weiter schlimm. mir geht es gut“, sagte er mit einer so ruhigen Stimme, als hätte man ihm gerade nur ausversehen ein Glas Wein übergeschüttet.
Wie konnte ihn das bloß so kalt lassen, er war es doch der blutete!
Sie wollte schon zu einer Antwort ansetzten als Malcom weitersprach: „Vielleicht solltest du lieber deine Hände säubern. ich denke das ist im Moment wichtiger.“
Mit diesen Worten reichte er ihr ein blütenweißes Taschentuch.
Wie bitte? Das konnte doch nicht sein Ernst sein! trotzdem nahm sie das Taschentuch dankend an.
„Ich werde mich nun zurück ziehen meine Liebe. Und ich denke auch du solltest nun zurück kehren. Du willst doch nicht etwa die Führung verpassen?“, meinte Malcom mit einer eleganten Verbeugung. Er nahm Alisas nun wieder völlig blutfreie Hand und hauchte einen Kuss darauf. Aprubt drehte er sich herum und ging.
Alisa konnte ihm nur noch verwirrt hinterher starren.